Angehörige die unter den Opfern leiden. *kann triggern*

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Angehörige die unter den Opfern leiden. *kann triggern*

Beitragvon Gast » 5. Okt 2016, 22:21

Es ist ganz schwer für mich, das hier sauber zu formulieren, und ich weiss auch nicht ob es der richtige Rahmen ist, da hier vielleicht andere Gruppen eher Schutz erfahren sollen. Ich habe das Bedürfnis nach Austausch und vielleicht auch Hilfe. Aber wenn ich mich mit dem Thema beschäftige, geht es meistens um Angehörige als "Verbündete", darauf scheint sich die Angehörigenarbeit zu konzentrieren. Ich bin aber keine. Ich wäre es gerne, ich würde gerne etwas abnehmen oder erleichtern. Der Status Quo ist aber nunmal ein ganz anderer: meine Angehörigen und ihre Traumen tun mir überhaupt nicht gut. Sie spielen teilweise sogar eine aggressiv-schädigende Rolle mir gegenüber.

Es fängt schon mit dem ganzen Setting an. Ich verfüge über verschiedenes Wissen, das eigentlich nur den Schluss zulässt, dass bei Mutter und Bruder SMB stattgefunden hat. Diese Einschätzung wird auch von weiteren Personen geteilt. Was meinen Bruder angeht, habe ich zudem eine Erinnerung wo ich als Kind etwas mitbekommen habe. Aber bereits dieses Wissen wurde mir auf Wegen und in einem Alter beigebracht die mich nur überfordern konnten. Es handelt sich um alkoholisierte Monologe, sexuelle Details die mein Vater über meine Mutter verbreitet/quasi umkommentiert in den Raum geworfen und mich damit sitzen gelassen hat, in verrückten Zuständen ausgedrückte verstörende Bemerkungen die teilweise auf mich projiziert wurden usw. Dieser Umgang mit dem Thema geht bis in meine ganz frühe Jugend zurück, 12-13, wo ich schon die klassische Vertraute war und so nebenbei, wortwörtlich in Nebensätzen hammerharte Sachen anhören musste die mir aber nie erklärt wurden, und nach denen zur Tagesordnung übergegangen wurde als ob man sowas mal eben seinem Kind vor die Füsse rotzt.

Eine tatsächliche Aufklärung, was passiert ist, hat es nie gegeben, aber trotzdem "wissen es alle". Ich weiss nicht ob das bei anderen Betroffenen auch so ist, mir kommt es eher so vor als wenn die Angehörigenarbeit auf der Basis von Gewissheiten und Solidarität stattfindet. Bei uns bleibt alles im Vagen, bricht sich immer auf eine destruktive Art Bahn, die mich besudelt zurück lässt. Es ist ganz schwer das zu beschreiben, ich nehme es so wahr, dass wenn es überkocht, die Hemmungen weggesoffen bzw. in eine Psychose (betrifft beide) gegangen wird, und ich als verbaler Kotzeimer hergenommen werde. Die Besudelung wird dadurch quasi an mich abgegeben. In nüchternen Zuständen herrscht hingegen totale Sprachlosigkeit bzw. im Falle meines Bruder der Rückzug in psychische Krankheit.

Folgendes ist besonders schwer aufzuschreiben, weil es wohl für manche nahe liegt, ob ICH da nicht was projiziere, ob ich nicht in Wirklichkeit selbst Opfer bin. Dem ist aber nicht so. Es scheint jedoch eine Art Übertragung stattgefunden zu haben, denn ich habe manchmal, weil ich auf so unangenehme Weise mit dem Leid meiner Angehörigen konfrontiert werde, Zwangsgedanken daran wie sie "es" erlebt haben müssen. Wie ein Film den ich nicht stoppen kann und sehr intensiv. Ich bin im täglichen Leben ein eher nüchterner Mensch und es fällt mir dementsprechend schwer, solche Dinge wie Traumaübertragung richtig zu begreifen oder in den Griff zu bekommen. Ich empfinde es auch als falsch, mit offensiven Fragen eine Bearbeitung zu fordern, die niemals die meine sein kann, zu der die Betroffenen keine Kräfte zu haben scheinen, und ein Thema zu beackern dass für mich ein riesen Quell von Verwirrung und Schmerz ist. Im Grunde wünsche ich mir, ich wüsste gar nichts.

Ihr seht, es ist das ganze Chaos vorhanden was in toxischen Familien vorkommen kann. Trauma, Substanzmissbrauch, verbale und psychische Enthemmung, desolate Finanzen und Familienverhältnisse, infantiles Verhalten, schlechte Partnerwahl, Wiederholung des Traumas, psychische Erkrankungen, unangemessene Mitteilung und ansonsten Schweigen.

Ich weiss eigentlich gar nicht wie man sich da als Angehörige positionieren kann. Es tut mir alles so unglaublich leid, ich habe eine immense Wut auf die Täter, aber es gibt ja gar keine Heilung die ich unterstützen könnte. Nur Tragik und Leid, dass ich mit-leiden darf.

Gibt es denn auch Ansätze für Angehörige, deren Mitgefühl gar nicht richtig angebracht werden kann? Die um ihre Angehörigen quasi trauern müssen während diese noch leben? Bitte das ganze nicht so verstehen dass ich jetzt meine, ich wäre das eigentliche Opfer. Aber ich habe einfach meine eigenen Baustelle damit, und die hat gar nichts von unterstützender Verbündetenrolle. Wo ist mein Platz?

Nachdenkliche Grüsse...

M.
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Re: Angehörige die unter den Opfern leiden. *kann triggern*

Beitragvon kitsune » 5. Okt 2016, 22:43

Hallo M.,

ich versuche mal zusammenzufassen, was ich verstanden habe.
Du bist aufgewachsen in einer Familie, in der Angehörige von Dir Missbrauch erlebt haben.
Dein Bruder und Deine Mutter sind Betroffene - das weißt Du.
Das Familiensystem in dem Du aufgewachsen bist ist dysfunktional - also nicht "gesund" - toxisch wie Du schreibst.
Du würdest Deine Angehörigen eigentlich gerne unterstützen, merkst aber, dass das System Dir nicht gut tut, bzw. Dir geschadet hat.
Hab ich das erstmal richtig verstanden?

Wie sind denn die Verhältnisse inzwischen?
Wohnst Du mit Deiner Familie zusammen? Habt ihr intensiven Kontakt?
Wie gut bist Du in Deinem eigenen Leben und Da-sein aufgestellt?
Also - wie geht es Dir so insgesamt mit Dir selbst und Deinem Leben?

Ich selber kenne keine
(...) Ansätze für Angehörige, deren Mitgefühl gar nicht richtig angebracht werden kann? Die um ihre Angehörigen quasi trauern müssen während diese noch leben? Bitte das ganze nicht so verstehen dass ich jetzt meine, ich wäre das eigentliche Opfer. Aber ich habe einfach meine eigenen Baustelle damit, und die hat gar nichts von unterstützender Verbündetenrolle. Wo ist mein Platz?

Aber ich würde Dir anbieten, da mal gemeinsam hin zu schauen und zu gucken,
was Du vielleicht für Dich tun kannst, um Dich wohler zu fühlen mit dem was da um Dich herum passiert (ist).
Hm?

Viele Grüße,
kitsune
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Re: Angehörige die unter den Opfern leiden. *kann triggern*

Beitragvon Zelma » 6. Okt 2016, 11:50

Hallo M.,

ob ich etwas beisteuern kann, weiß ich noch nicht. Aber ich wollte dir sagen, dass ich mitlese, weil mich schon auch einiges angesprochen hat.

Ich selbst bin in einem ähnlichen "toxischen" Umfeld aufgewachsen. Meine Mutter flüchtete sich in Krankheit, mein Vater ebenso. Sie waren dem Wahn verfallen, dass die Welt böse ist. Aufgrund von Aussagen meiner Therapeutin wird meine Mutter wohl auch schizophren sein. Heute gibt es die Bezeichnung der "Posttraumatischen Verbitterungsstörung". Diese haben wohl beide. Ich weiß, dass sie beide misshandelt wurden und meine Mutter war wohl als Kind mehrfach Zeugin von Vergewaltigungen (durch Besatzungssoldaten). Das haben mir beide als Kind erzählt.
Eine Schwester war (ist?) tablettenabhängig, kaufsüchtig und depressiv. Eine andere hat zumindest eine Essstörung. Meine ältere Schwester war nach meinem Gefühl die Verbündete und Vertraute meiner Mutter. Mein Vater hat mich einerseits sexuell missbraucht und andererseits war ich seine Vertraute.

Ziemlich schräg das Ganze ... ich habe inzwischen weder zu meinen Geschwistern noch zu meinen Eltern Kontakt. Ich habe diesen aktiv abgebrochen.

Liebe Grüße
zelma
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Re: Angehörige die unter den Opfern leiden. *kann triggern*

Beitragvon Zelma » 6. Okt 2016, 17:50

Folgendes geht mir noch durch den Kopf:
Gibt es denn auch Ansätze für Angehörige, deren Mitgefühl gar nicht richtig angebracht werden kann? Die um ihre Angehörigen quasi trauern müssen während diese noch leben? Bitte das ganze nicht so verstehen dass ich jetzt meine, ich wäre das eigentliche Opfer. Aber ich habe einfach meine eigenen Baustelle damit, und die hat gar nichts von unterstützender Verbündetenrolle. Wo ist mein Platz?

Du bist ein Kind psychisch kranker Eltern und eines kranken Bruders. Natürlich hast du daduch deine eigenen Baustellen. Nicht zuletzt, weil du Teil dieses Familiensystems bist. In gewisser Weise bist du also selbst Betroffene und brauchst erst mal die Energie für dich selbst, brauchst selbst Unterstützung. Ich vergleiche das gerne mal mit einem abstürzenden Flugzeug. Dabei ist es wichtig, erst mal selbst die Atemmaske aufzusetzen, um dann vielleicht irgendwann ggf. noch andere unterstützen zu können.

LG, zelma
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