Missbrauch, Körper und Therapie

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Re: Missbrauch, Körper und Therapie

Beitragvon Zelma » 20. Aug 2013, 11:31

Ich hatte da mal was zu Yoga bzw. Traseyo geschrieben. Ich stell es mal hier rein:

„Dein Körper ist der Tempel deiner Seele. Räume auf, reinige ihn, damit sie sich darin wohlfühlen kann.“
Bevor ich mit dem Traseyo begann wäre ich bei diesem Satz davongerannt. Bis dahin war mein Körper der Feind für mich: verabscheuenswürdig, beängstigend, verräterisch. So behandelte ich ihn und somit mich selbst. Meine Mittel zur „Feindbekämpfung“ waren selbstverletzendes Verhalten, eine Essstörung und anderes mehr. Den Körper als Tempel zu bezeichnen? Niemals.

Ich begann mit Einzelstunden. Anders hätte ich mich meinem selbst erkorenen Erzfeind „Körper“ nicht annähern und mich auf Traseyo einlassen können. In der Gruppe hätte ich noch gleichzeitig auf andere Kursteilnehmerinnen achten zu müssen. Bereits so wirkte das alles sehr bedrohlich und schwierig auf mich.

Zwar hatte ich während eine Klinikaufenthaltes Hatha-Yoga bereits kennengelernt, stellte jedoch schnell fest, dass Traseyo nochmal anders ist. Die Art und Weise unterschied sich. Traseyo ist achtsamer, „langsamer“. Bedingt dadurch, dass dem Gefühl der Sicherheit und der Wahrnehmung der eigenen Grenzen auf eine ungewohnte Art und Weise der nötige Raum gegeben wird, wirkt es auf mich intensiver und wohltuender.

Ich brauchte lange, um mich wirklich innerlich einzulassen und es stellten sich immer wieder heftige Widerstände ein. Manchmal ging nichts, phasenweise nur wenig. Vieles musste ich ausprobieren, um mich sicher fühlen zu können; um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich brauchte, um mich wieder einlassen zu können. Hier hieß es durchhalten, nicht aufgeben. Ganz langsam war es dann auch möglich zuhause Yoga zu machen, später dann auch in der Gruppe. Hier lernte ich für mich weitere wichtige Dinge, wie bei mir bleiben zu können, ohne mich von anderen bedroht zu fühlen.

Verändert hat sich vieles bei mir. Mein Körper ist (meist) nicht mehr mein Feind. Ich kann mir vorstellen, ihn irgendwann als Partner zu sehen. Ich kann mich mithilfe der Yogaübungen wieder stabilisieren; dem Selbstverletzungsdruck, den Essattacken entgegenwirken, die depressiven Phasen sind nicht mehr so ausgeprägt. Ich fühle mich all dem was war und ist nicht mehr ausgeliefert, sondern ich fühle mich handlungsfähig. Das mithilfe meines Körpers, den ich mal als Feind betrachtete.

Das Yoga veränderte jedoch nicht nur meinen Umgang mit meinem Körper. Im Laufe der Zeit veränderte sich mein Tagesrhytmus positiv und heute habe ich meine feste Yogareihe, die ich meinen Bedürfnissen entsprechend abwandeln kann. Dabei lerne ich immer mehr meine Grenzen wahrzunehmen und auch mal eine Übung auszulassen, wenn mein Körper und meine Seele signalisieren, dass es gerade nicht die richtige Zeit dafür ist. Meist spüre ich im Verlauf der Yoga-Reihe, wie ich nach einer schlechten Nacht mit Albträumen, in Krisenzuständen und anderem langsam im Hier und Heute ankomme und so den Tag präsent beginnen kann.

Manchmal kann ich es spüren, wie meine Seele im Tempel ankommt. Das ist etwas ganz besonderes für mich, denn meine Seele war lange auf der Suche, fand keinen Raum, in dem sie sich wohl fühlte. Mich wundert es heute nicht, dass ich fahrig, unkonzentriert, unruhig und unter Druck war. In dieser dunklen Abstellkammer voller Gerümpel und altem Müll hätte ich mich auch nicht wohl gefühlt. Oh, es steht immer noch einiges rum, was nicht reingehört. Aber es gibt bereits kleine helle und schöne Orte und meine Seele findet so immer mal wieder einen ruhigen Platz und fühlt sich auch manchmal schon wohl.

Ebenso haben sich mein Essverhalten und meine Einstellung zum Leben positiv verändert. Für mich ist das Yoga etwas Ganzheitliches, welches es mir ermöglicht, mich immer mehr im Hier und Heute aufzuhalten. Präsent sein – etwas sehr Wertvolles.

Meine Yogalehrerin weist explizit darauf hin, dass traumasensibles Yoga keine Therapie ist und auch keine Therapie ersetzt. Bei mir stößt es immer wieder innere Prozesse an. Darüber sollte sich jedeR im Klaren sein, der/die sich darauf einlässt. Für mich wäre es nicht möglich, mich ohne begleitende Psychotherapie entsprechend auf das Yoga einzulassen. Bildlich gesprochen liegt so viel Schutt auf meinen körperlichen Ressourcen, dass es zwangsläufig nötig ist, Schuttteile zu entfernen, um Zugang zum Körper zu bekommen. Andererseits nehme ich das Yoga für meinen therapeutischen Prozess als sehr hilfreich wahr. Hat mich eine Situation destabilisiert, kann ich mich mit gezielten Übungen tendenziell wieder stabilisieren.

Noch immer lebt ein großer Teil in mir im Gestern. Aber ich habe das Gefühl, dass immer wieder ein kleiner Teil den Weg ins Heute findet. Dabei spielt für mich die Kombination Yoga und Therapie eine große Rolle. Für mich gehört beides zusammen. Allerdings merke ich, wie ich bezüglich Yoga innerlich langsam „flügge“ werde. Ich habe an Sicherheit gewonnen und kann es für mich bereits selbstständig ganz gut nutzen. Eine für mich wichtige Erkenntnis: nicht abhängig von Irgendjemand und Irgendwas zu sein.

Yoga ist kein „Allheil- und Zaubermittel“. Es kann vieles leichter machen, wenn ich daran und damit arbeite. Für mich passt Yoga sehr gut in meinen therapeutischen Prozess.

Zwischenzeitlich ist Yoga ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben geworden, um das Leben langsam Stück für Stück zurückerobern zu können und ich wünsche mir, dass meine Seele sich irgendwann 24 Stunden am Tag in ihrem Tempel aufhalten und wohlfühlen kann.
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Re: Missbrauch, Körper und Therapie

Beitragvon kitsune » 29. Aug 2013, 17:09

danke euch beiden fürs teilen.
ich will das gar nicht groß kommentieren oder so,
aber es ist schön, von diesen positiven (körper-)erfahrungen zu lesen
(und auch von dem was überwunden werden musste - und teilweise immernoch muss-, um dahin kommen zu können).
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Re: Missbrauch, Körper und Therapie

Beitragvon vogel » 23. Apr 2014, 23:20

Grade wieder gefunden und wieder interessant gefunden.
Danke fürs zusammensammeln! :drehblume:
Wir sind, was wir sind. Und wir versuchen immer unser Bestes.
Es steht Ihnen nicht zu, die Kriterien festzulegen, nach denen man uns zu beurteilen hat.

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